Wein mit Jürgen Hammer

Ein neuer Geist durchweht die Weinszene - und sein Name lautet: "autochthon". Handelt es sich dabei um die neue Vermarktungsstrategie einer kreativen Marketingagentur, oder steckt da eine echte Philosophie dahinter? Ein bisschen von beidem kommt der Wahrheit wohl am nächsten. Zum einen bedeutet der Begriff aus dem Griechischen in etwa bodenständig oder alteingesessen und stellt damit auf dem globalisierten und geschmacksvereinheitlichten Weltweinmarkt einen recht verlässlichen Wegweiser zu individueller Qualität und regionstypischen Weinen dar. Auf der anderen Seite ist die Bezeichnung autochthon kein Qualitätssiegel und damit die Gefahr groß, dass unter dem Deckmäntelchen der Authentizität auch mittelmäßige und schlechte Weine an den Mann gebracht werden sollen. Einen großen Vorteil hat dieses neue Schlagwort auf jeden Fall: alte und traditionsreiche Rebsorten, die in den Hochzeiten der Global Player Chardonnay, Cabernet, Merlot & Co. in Vergessenheit geraten waren, kommen durch diesen Trend zu neuen Ehren. Silvaner, Traminer, Tannat und viele andere sind so in wie nie zuvor. Ein geniales Beispiel für diese Entwicklung stellt der 2003 Campo Ardosa, Quinta da Carvalhosa, aus dem Dourotal in Portugal dar. Die drei deutschen Topbetriebe Breuer/Rheingau, Näkel/Ahr und Philippi/Pfalz haben sich 2000 zusammengetan, um im Dourotal, der klassischen Heimat der Portweine, aus den autochthonen Rebsorten Tinta Roriz, Touriga Nacional, Touriga Francesa und Tinta Barrocca trockene Rotweine zu erzeugen. Das Ergebnis ist ein echter Knaller: Auf acht Hektar eigenen Weinbergen werden Rotweine erzeugt, die eigenständig, dicht und lang sind, geprägt vom extremen Klima, Schieferböden und alten Rebanlagen. Der 2003 Campo Ardosa duftet nach schwarzen Kirschen, Gewürzen und Zigarrenkiste, am Gaumen er ist druckvoll, geschmeidig und saftig. Power und Eleganz und Nachhaltigkeit: Da werden gleich drei Wünsche auf einmal erfüllt. Trinken Sie auch einen Schluck davon auf den großartigen und viel zu früh verstorbenen Bernhard Breuer, der an diesem Jahrgang noch mitgewirkt hat.
Jürgen Hammer ist Chef-Sommelier des Restaurants "Weinbar Rutz" in der Chausseestraße.
Weingut Meyer-Näkel, Friedensstr. 15, 53507 Dernau
Tel. 02643 / 1628, Fax 02643 / 3363
E-Mail: weingut@meyer-naekel.de