Wein Mit Jürgen Hammer

"Riesling ist eine der besten Weißweinrebsorten der Welt!" Hätte man diese These vor 20 Jahren gewagt, hätte man wahrscheinlich nur schallendes Gelächter, oder zumindest ein mitleidvolles Schmunzeln geerntet. Die Rebsorte, die zu Begin des 20. Jahrhunderts zu den gefragtesten und teuersten der ganzen Welt gehörte, erfuhr in den 60er- und 70er-Jahren einen Imageverlust sondergleichen: Der Glaube an Chemie und Technik verdrängte die akribische und ökologisch sinnvolle Arbeit im Weinberg und die Nachfrage nach günstigem "Zuckerwasser" war groß.
So wurde massenhaft billiger und charakterloser Riesling produziert, auch für den Export. Die Neuauflage des deutschen Weingesetzes von 1971, in der unter anderem festgelegt wurde, dass die Weinqualität in Deutschland vom Mostgewicht der Trauben abhängt, schob dieser Entwicklung auch keinen Riegel vor, man könnte eher sagen, sie wurde dadurch noch begünstigt. Als dann Anfang der 80er-Jahre der Markt für pappsüße Weine einbrach, musste umgedacht werden - und fatalerweise schlugen viele Winzer ins andere Extrem.
Da Restsüße nun etwas fast Anrüchiges hatte, wurde der arme Riesling gnadenlos trocken durchgegoren. Riesling allerdings, ohne einen gewissen Puffer von Restsüße, ist nicht in der Balance, die Säure oft zu aggressiv und man braucht einen Magen aus Eisen, um keinen gesundheitlichen Schaden zu nehmen. Es dauerte noch eine ganze Weile, bis man zu einem harmonischen Rieslingstil zurückfand, der geprägt ist von einen spannenden Spiel zwischen Süße und Säure. Genau das ist es nämlich, was Riesling so faszinierend macht.
Schritt für Schritt feierte der Riesling ein Comeback, zunächst im Inland, bald aber auch über die nationalen Grenzen hinaus. Aber die deutschen Rieslingwinzer ruhen sich auf ihren Erfolgen nicht aus, sondern feilen weiter an der Qualität ihrer Weine. Während in den 90er-Jahren noch primärfruchtige Rieslinge aus dem Edelstahltank sehr weit verbreitet waren, besinnen sich heute auch viele jungen Winzer auf die Tugenden der Vorväter. Die Arbeit im Weinberg gewinnt wieder mehr an Bedeutung, im Keller soll der Wein so wenig wie möglich beeinflusst werden und das Holzfass hält wieder Einzug. Das Ergebnis sind komplexe, vielschichtige und terroirgeprägte Weine, die auch international höchste Anerkennung finden, fast so wie vor 100 Jahren. Einer, der ständig daran arbeitet, die Grenzen des qualitativ Möglichen neu auszutesten, ist Peter Jakob Kühn, aus Oestrich im Rheingau. Sein 2005 Riesling Quarzit QbA trocken zeigt eindrucksvoll, was deutscher Riesling kann. Kraftvoll, dicht und fordernd, mit Aromen von reifen Zitrusfrüchten, wilden Kräutern und einer spannungsgeladenen Mineralität in der Nase. Mit etwas Luft entfaltet er sich zu voller Größe und Komplexität, begleitet von einer dynamischen Säure und fast muskulöser Struktur.
Jürgen Hammer ist Chef-Sommelier der "Weinbar Rutz" in der Chausseestraße
Weingut Peter Jakob Kühn
Mühlstr. 70
65375 Oestrich
Telefon 06723-2299
www.weingutpjkuehn.de