Wein von Jürgen Hammer

Dass deutsche Winzer in Bereich der Weißweine international in der Oberliga mitspielen, hat sich herumgesprochen. Der deutsche Rotwein aber ist immer noch ein Problemkind. Nicht von Seiten der Winzer, sondern von Seiten der Verbraucher. Viele ausländische Weinfreunde sind überrascht, dass es überhaupt Rotwein in unseren Breiten gibt und viele deutsche Konsumenten leiden noch an den Erfahrungen, die sie in den 70er- und 80er-Jahren mit heimischem rotem Rebensaft gemacht haben.

Doch es hat sich viel geändert! Eine wichtige Rolle spielt hier die Klimaerwärmung. Der wahrscheinlich einzige Vorteil dieser Entwicklung liegt darin, dass wir hier in Deutschland die roten Rebsorten häufiger bei physiologischer Vollreife ernten können. Das war vor 20 Jahren selten der Fall, bzw. wurden Sorten wie Cabernet Sauvignon, Merlot und Sangiovese bei uns gar nicht reif. Jetzt schneiden deutsche Spätburgunder im internationalen Vergleich immer besser ab und flächenmäßig hat unsere edelste Rotweinrebe inzwischen auch den Dornfelder auf Platz zwei verwiesen.
Nicht dass ich etwas gegen Dornfelder hätte, aber in Punkto Raffinesse und Eleganz reicht er nicht an Sorten wie Pinot Noir oder Cabernet Sauvignon heran; und eine schöne dunkle Farbe alleine macht eben auch nicht glücklich.
Aber auch die tollen Ergebnisse, die deutsche Winzer mit Sorten wie Cabernet Sauvignon, Merlot, Sangiovese und Syrah und den Neuzüchtungen Cabernet Cubin (Blaufränkisch gekreuzt mit Cabernet Sauvignon) und Cabernet Dorsa (Dornfelder gekreuzt mit Cabernet Sauvignon) erzielen, sorgen bei der Fachpresse für Aufsehen und dafür, dass so manchem Weinfreund der Mund offen stehen bleibt, wenn man ihm diese "modernen" Rotweine aus deutschen Landen hinstellt.
Eines der ganz großen Talente ist Thomas Hensel aus Bad Dürkheim. Seine Top-Cuvée "Ikarus" aus 100 Prozent Cabernet Cubin hat schon einigen ausländischen Rotweinen das Fürchten gelehrt. Aber auch im kleineren Segment bestechen Thomas' Rotweine durch Kraft, Balance und Farbe. Mit der Cuvée "Aufwind" von 2005 (70 Prozent Cabernet Sauvignon und 30 Prozent St.
Laurent) beweist er, dass es tolle deutsche Rotweine auch für jeden Geldbeutel gibt. Die Nase ist geprägt von Cassis-Duft und reifen Pflaumen und er steht kräftig rot, fast schwarz im Glas. Im Mund fühlt er sich dicht und fruchtig an, Säure und Gerbstoff sind balanciert. Deutscher Rotwein ist im Aufwind!
Jürgen Hammer ist Chef-Sommelier der "Weinbar Rutz" in der Chausseestraße
Weingut Hensel
In den Almen 13
67098 Bad Dürkheim
Telefon 06322 / 2460
Aus der Berliner Morgenpost vom 10. Juni 2007